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Nach Unterbrechung wieder reinkommen: Die Drei-Zeilen-Notiz

Fabrizio Marra 18. September 2026 8 Min. Lesezeit
Nach Unterbrechung wieder drin

Kurz gesagt: Laborstudien zufolge bleibt nach einer Unterbrechung ein Teil deiner Aufmerksamkeit an der liegengebliebenen Aufgabe hängen. Dagegen kann eine Drei-Zeilen-Notiz helfen, die du vor dem Wechsel schreibst: Wo stehe ich, was ist der nächste Handgriff, was brauche ich zum Wiedereinstieg? Das ist eine Praxisregel, die ich aus Laborbefunden ableite. Sie kostet höchstens zwei Minuten. Ob sie bei dir wirkt, findest du in einer Woche heraus.

Warum du nach einer Unterbrechung nicht sofort wieder drin bist

Stell dir vor, du prüfst eine Auswertung, Zeile für Zeile. Eine Kollegin fragt im Chat nach einer Zahl. Du suchst sie raus, antwortest und drei Minuten später bist du wieder in der Datei. Nur liest du Zeile 13 zum dritten Mal und ein Teil von dir formuliert im Kopf noch die Antwort. Die Unterbrechung ist vorbei, aber du bist noch nicht zurück.

Dazu gibt es zwei Laborbefunde. Mark, Gudith und Klocke (2008) fanden in einem Laborexperiment, dass Unterbrochene schneller arbeiteten, bei gleicher Qualität. Die Autoren deuten das so: Wer unterbrochen wird, holt die Zeit durch Tempo wieder rein und zahlt mit mehr Stress, Frust und Zeitdruck. Sophie Leroy beschrieb 2009 in zwei Experimenten den Aufmerksamkeitsrest (englisch attention residue): Wer von einer unfertigen Aufgabe wechselt, hat einen Teil der Aufmerksamkeit noch dort und die nächste Aufgabe leidet. Beides sind Laborbefunde, keine Büromessungen.

Und die berühmten 23 Minuten bis zum Wiedereinstieg? Ich verwende die Zahl nicht. Sie wird oft aus Interviews mit Gloria Mark zitiert und lässt sich nicht sauber auf eine einzelne Studie zurückführen. Merk dir nicht die Zahl, nur das: Der Rückweg kostet etwas.

Die Drei-Zeilen-Notiz: Vorlage zum Kopieren

Leroy und Glomb (2018) berichten in vier Studien: Wer erwartete, die unterbrochene Aufgabe nur unter Zeitdruck wieder aufnehmen zu können, zeigte mehr Aufmerksamkeitsrest. Ein kurzer Wiedereinstiegsplan («ready to resume») verringerte ihn und die Leistung bei der Zwischenaufgabe litt weniger. Getestet wurde laut Pressetexten der Universität im Labor mit Studierenden. Ob man danach schneller wieder in die erste Aufgabe findet, wurde laut denselben Texten nicht untersucht.

Daraus habe ich eine Praxisregel gebaut: Wer aufschreibt, wo es weitergeht, kann die liegengebliebene Aufgabe leichter loslassen. Dass du danach schneller wieder drin bist, ist meine Annahme, kein Studienbefund. Auch die drei Zeilen und die zwei Minuten sind meine Ableitung.

Stand: Wo stehe ich?

Nächster Schritt: Was ist der erste konkrete Handgriff beim Zurückkommen?

Brauche ich: Datei, Link oder offene Frage für den Wiedereinstieg.

Ein Beispiel, ausgedacht:

Stand: Auswertung Kundenanfragen, Tabelle Q3, bis Zeile 13 geprüft.

Nächster Schritt: Zeile 14 prüfen, noch nicht an der Formatierung arbeiten.

Brauche ich: Datei «Auswertung_Q3» im Teamordner. Offene Frage: Zählt der Kunde als Neukunde?

Drei Hinweise, damit die Notiz brauchbar bleibt:

Wann du die Notiz schreibst und wie du andere weniger unterbrichst

Nicht jeder Wechsel braucht eine Notiz. Meine Praxisregeln:

  1. Fast fertig? Erst abschliessen, dann wechseln. Im Labor blieb nach abgeschlossenen Aufgaben weniger Rest als nach abgebrochenen (Leroy 2009). Für «fast fertig» ist das meine Übertragung.
  2. Kaum Zeit zum Zurückkehren? Dann ist die Notiz Pflicht. Etwa, weil die Aufgabe heute noch raus muss oder gleich ein Meeting beginnt. Auch das ist eine Übertragung: Im Labor fanden Leroy und Glomb mehr Rest bei Teilnehmenden, die erwarteten, nur unter Zeitdruck zurückkehren zu können.
  3. Zuerst die eigenen Unterbrechungen ansehen. Das «nur kurz» ins Postfach, der Blick aufs Handy. Zähl zuerst (die Strichliste steht im Experiment unten), dann urteile.

Dazu die Gegenseite: Jede Nachricht, die du schickst, kann die Unterbrechung eines anderen sein. Für euch im Team, ebenfalls als Praxisregeln:

Zum Bündeln gibt es einen Smartphone-Versuch (Fitz und Mitautoren, 2019, 237 Personen): Wer seine Benachrichtigungen dreimal täglich gebündelt bekam, fühlte sich laut Befragung aufmerksamer, produktiver und besser gelaunt. Ganz ohne Benachrichtigungen gab es kaum Vorteile, dafür mehr Angst, etwas zu verpassen. Das war keine Teams-Studie. Meine Praxisregel daraus: pausieren und zu festen Zeiten nachsehen, statt dauerhaft abzuschalten.

Wenn dich jemand holt und es nicht brennt, hilft ein Satz: «Ich melde mich um 11:15, ich notiere kurz, wo ich stehe.» Brennt es doch, schreib wenigstens den Handgriff auf, zum Beispiel «Zeile 14». Alles andere ergänzt du später.

Wo die Notiz liegt: ein fester Ort in Microsoft 365

Erst die Methode, dann das Werkzeug. Meine Praxisregel: Ein fester Ort ist besser als drei gute. Welcher es ist, spielt eine kleinere Rolle, wichtig ist: immer derselbe, die neueste Notiz zuoberst. Zur Auswahl stehen:

Je nach Version heissen die Einträge in den Menüs leicht anders, probier es einmal durch. Schreib keine Kunden- oder Personendaten in die Notiz, wenn dein Haus den Ort dafür nicht vorsieht. Welche Orte erlaubt sind und wie lange Notizen aufbewahrt werden, klären IT, Compliance oder HR.

Benachrichtigungen ruhigzustellen ist die Umsetzung, nicht die Methode. Laut Microsoft-365-Roadmap rollt Teams gerade eine Funktion aus, die alle Benachrichtigungen vorübergehend pausiert, ohne deine Einstellungen zu ändern. Dazu kommen Voreinstellungen pro Kanal (alle Nachrichten, nur @Erwähnungen und Antworten, stumm) und Teams respektiert auf dem Desktop die Windows-Einstellung «Nicht stören». Die Einträge ändern sich laufend: Was du davon siehst und wie es bei dir heisst, zeigt dein eigener Client. Fehlt dir etwas davon, hilft der Kurzbefehl «Nicht stören» aus dem Tipp zum fokussierten Arbeiten in Teams (Tipp von 2023, probier ihn im eigenen Client aus). Fokusblöcke im Kalender behandelt der Beitrag zur Meeting-Flut, hier geht es um den Moment des Wechsels.

Dein Experiment für eine Woche

Ob die Notiz bei dir wirkt, findest du in fünf Arbeitstagen heraus. Das ist ein Selbstversuch, kein Beweis:

  1. Vor jedem Wechsel, der länger als ein paar Minuten dauert, schreibst du die drei Zeilen.
  2. Jeden Mittag notierst du zwei Zahlen: wie viele Wechsel du am Vormittag hattest (Strichliste mit zwei Spalten: «Ich wechsle selbst» und «Jemand holt mich») und wie ruhig du dich gefühlt hast (1 bis 5). Die erste Spalte kannst du morgen ändern.
  3. Am Freitag beantwortest du drei Fragen: Wie schnell war ich wieder drin? (Genau das haben die Studien laut Pressetexten nicht geprüft.) Wo hat die Notiz gefehlt? Welche Eingänge bündle ich künftig?

Belegt oder nicht? Im Labor gezeigt sind der Preis des schnelleren Arbeitens in Stress und Frust (Mark 2008), der Aufmerksamkeitsrest (Leroy 2009) und dass ein kurzer Wiedereinstiegsplan den Rest verringerte (Leroy und Glomb 2018, laut Pressetexten mit Studierenden). Ob du dank der Notiz schneller in die erste Aufgabe zurückfindest, wurde laut den Pressetexten nicht untersucht und eine Feldstudie im Büro dazu kenne ich nicht. Die Notiz selbst, die drei Zeilen und die zwei Minuten sind meine Praxisregel. Zur oft zitierten Ping-Zahl von Microsoft: Der Work Trend Index 2025 meldet, dass Beschäftigte mit Microsoft 365 in der Kernarbeitszeit alle zwei Minuten einen Ping erhalten (275 pro Tag). Das gilt für die 20 Prozent mit den meisten Pings. Die zwei Minuten beziehen sich auf einen Acht-Stunden-Tag, die 275 auf 24 Stunden. Gezählt werden Eingänge und keine gemessenen Konzentrationsbrüche und es sind Herstellerdaten bis Februar 2025, ohne EU- und Bildungskunden.

Machen mehrere im Team mit, kommt die nächste Frage: Was kostet uns die Zerstückelung? Eine Grössenordnung auf Basis eurer Annahmen liefert der Effizienz-Rechner.

Ich begleite seit über zehn Jahren Teams bei ihrer Arbeitsweise mit Microsoft 365, unter anderem von 2022 bis 2026 bei einer Schweizer Privatbank. Wenn ihr Wechsel, Pings und Fokuszeit im Team gemeinsam regeln wollt, schaut bei weniger Meetings vorbei. Oder sprecht direkt mit mir: Holt euch ein kostenloses Erstgespräch.

Fabrizio Marra
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